Fotoblog

Lohnt sich Blende 1.4 oder Blende 1.8?

Lohnt sich Blende 1.4 oder Blende 1.8?
"Du sag mal ehrlich, Michael.... braucht man wirklich f/1.4 oder reicht nicht doch die Blende 1.8?" Die Frage stellte mir ein Workshopteilnehmer. Eine berechtigte Frage, wie ich meine. Und die mir einen Artikel wert ist.
Jup, ich habe auch zugeschlagen und nutze nun Objektive mit f/1.4. Jeweils der Sigma ART Serie mit 35 mm und 50 mm Brennweite. Jetzt erst! Nach so vielen Jahren der Fotografie. Warum? Keine Ahnung, vielleicht gehöre ich ja zu der Spezies der Killer (siehe ganz unten). Auf jeden Fall bin ich mir noch nicht sicher, ob die Anschaffung wirklich nötig war.
Man weiß, Blende 1.4 kostet Geld. Teilweise ordentlich Geld. Blende 1.8 bekommt man dagegen fast schon zum Schnäppchenpreis, bezogen auf die Fotografie natürlich ;-) Und klar stellt man sich die Frage, ob sich dieser doch erhebliche Aufwand an zusätzlicher Sparschwein-Ermordung überhaupt lohnt. Preislich mal ein paar Beispiele der beiden Platzhirschen Nikon und Canon:
 
Nikon:
AF-S 50 mm f/1.8 G bekommt man für ca. 220 Euro.
AF-S 50 mm f/1.4 G gibt es für ungefähr 450 Euro.
Das bisschen mehr Licht kostet also mal eben knapp mehr als das Doppelte!
 
AF-S 85 mm f/1.8 G kostet ca. 490 Euro
AF-S 85 mm f/1.4 G mehr oder weniger 1.539 Euro
Jetzt rappelt es im Karton. Sage und schreibe über 1.000 Euro mehr für mehr Licht!! Aua, das kann heftig weh tun.
 
 
Canon:
EF 50 mm f/1.8 gibt es für ca. 120 Euro
EF 50 mm f/1.4 ungefähr 320 Euro
EF 50 mm f/1.2 zum Schnäppchenpreis von ca. 1.400 Euro
 
EF 85 mm f/1.8 ca. 340 Euro
EF 85 mm f/1.2 ca. 1.900 Euro!!
Canon hat kein f/1.4 im Sortiment .
 
Mehr Licht kostet also mehr tote Sparschweine. Teilweise viele tote Sparschweine. Und bevor Du den Hammer schwingen lässt und diese Viecher ausnimmst, gebe ich Dir ein paar Dinge mit auf den Weg, die Deine Schweine vielleicht vorerst noch leben und dicker werden lassen.
 
 

"Wer was Kleines in der Hose hat, hält was Großes in der Hand"

Ohne jetzt Jemanden auf den Schlips treten zu wollen.....das ist meine Antwort an denjenigen, der mich auf mein 70 - 200 mm f/2.8 anspricht, wenn ich es mal aufgesetzt habe. "Das ist aber ein dickes Ding!"..... joa, und dann kommt meine obige Antwort. Immer sehr interessant, wie die Leute dann reagieren :-D
Aber auf was ich hinaus will: Unheimlich viele Fotografen besitzen Equipment, was sie eigentlich gar nicht benötigen. Und was dazu noch weit über das eigentlich verfügbare Budget hinaus geht. Und warum? Weil sie gerne protzen. "Dazu gehören"  wollen. Boah, sieht ja beeindruckend aus, solche Rohre oder auch lichtstarke Objektive zu besitzen.  Erinnere mich gerne an den Fotostammtisch, wo ein Teilnehmer mit aufgeblasener Brust sein Equipment präsentierte. Lagen mal eben ein paar Tausend Euro auf dem Tisch, was bei der Fotografie auch schnell geht...... die fotografischen Arbeiten jedoch sahen eher nach einer billigen "Quick&Shot" - Kamera aus. Macht ja nix... hauptsache man bekommt neidische Blicke. Oh Mann, wie ich immer innerlich lache bei sowas :-D
Im Grund genommen geht es mir jetzt darum, Dir klar zu machen, ob Du diese teilweise erhebliche Mehrausgabe für ein f/1.4 Objektiv brauchst.
 
 

Risiko Offenblende

Das größte Problem bei Offenblende, also wenn man die größte Öffnung wählt, hier in dem Falle f/1.4 oder f/1.8, ist wohl das richtige Treffen des Fokus. Damit das Objekt auch an der richtigen Stelle auf jeden Fall scharf abgebildet wird. Du liest jetzt hoffentlich aufmerksam. Denn ich rede hier nicht mehr von ganzen Objekten, sondern nur von Stellen der Objekte. Ehrlich... ich habe wirlich Probleme damit. Besonders jetzt mit den 50 mm f/1.4. Verdammt viel Ausschuss, weil ich doofe Nuss auch zu bequem bin ein Stativ zu benutzen, was dabei öfter hilfreich wäre. Nicht wegen Bewegungsunschärfe, sondern damit ich nach dem Fokussieren nicht meine Position verändere, indem ich bisschen nach vorne oder hinten wackelt. Natürlich ist dies auch von der Entfernung zum Objekt abhängig. Denn umso näher man dran ist, umso geringer wird die Schärfentiefe. Anders: Mit einer Brennweite von 35 mm ist die Gefahr geringer als mit 50 mm.
Ich hatte in einem anderen Artikel schon mal drüber geschrieben und ich will Dir hier nochmal kurz auf die mega geringe Schärfentiefe eingehen. Mein Schwerpunkt ist ja immer noch die Personenfotografie in all ihren Formen und Arten. Und wenn ich ein reines Kopfportrait machen möchte mit einem 50 mm Objektiv, bin ich unter einem Meter von der Person entfernt. Mein Schärfentieferechner sagt, dass ich bei meiner Vollformat-Kamera bei f/1.4 einen Schärfentiefebereich von nur 3,23 cm habe. Kannst Du Dir vorstellen, wie gering das ist??? Und wenn Du jetzt nur minimal nach vorne oder hinten wackelst, was ich anscheinend öfter mal tue (nein, das zu fotografierende Objekt bleibt ja immer total steif da stehen ;-) ), dann liegt dieser blöde Schärfepunkt ganz woanders, als er eigentlich liegen sollte. Das ist immer verdammt ärgerlich. Doch wie würde das nun bei Blende 1.8 aussehen? Besser? Na.. nicht viel. Sondern es wären nur 1 cm mehr, nämlich 4,22 cm. Aber wir wollen ja wissen, ob sich ein Objektiv mit f/1.4 lohnt. Und das kannst Du Dir schon mal bei einem so geringen Abstand zum Objekt selbst beantworten. Du hättest also lediglich 1 Zentimeter weniger Schärfentiefe. Und das zu einem doppelt so hohen Preis. Im günstigsten Fall. Doch kann diese verflixt geringe Schärfentiefe ein riesen Nachteil werden, wie ich Dir ja gerade erklärt habe.
Ich überlege gerade, wie weit ich denn von Personen im "normalen Fall" weg bin bei Schnappschüssen. 1,5 Meter? 2 Meter?  Egal. Schauen wir mal, was mein schlauer Rechner so hergibt.
Bei 2 Meter mit Blende 1.4 hätte ich einen Schärfetiefenbreich von immerhin schon 13,25 cm. Die Gefahr daneben zu liegen ist hiermit schon vergessen. Bei Blende 1.8 sind es 17,36 cm. Klar, noch mehr, denn die Blende ist ja weiter zu. Ich will das mal gerade bisschen übersichtlicher machen in Form einer Tabelle mit verschiedenen Abständen zum Objekt und bleibe bei der Brennweite von 50 mm. Jeweils bei Vollformat.
 
    Blende
    f/1.4 f/1.8
Abstand in Meter   Schärfentiefenbereich
       
1   3,23 cm 4,22 cm
2   13,25 cm 17,36 cm
3   30,11 cm 39,50 cm
4   53,87 cm 70,76 cm
5   84,60 cm 111,34 cm
6   122,42 cm 161,48 cm
7   167,45 cm 221,49 cm
8   219,87 cm 291,75 cm
9   279,85 cm 372,71 cm
10   347,63 cm 464,91 cm
 
Natürlich wird es nach dem Schärfebereich nicht abrubt unscharf. Sondern geschieht das fließend. Umso weiter der Vorder- und/oder Hintergrund entfernt ist, umso unschärfer wird dieser. Macht sich dann bei f/1.4 noch drastischer bemerkbar als bei f/1.8
Der Bereich der Schärfentiefe ist jedoch nicht das Einzige, was Dir eine Entscheidung erleichtern soll, sondern auch die Menge des Lichts, welches in die Kamera fallen kann und damit eine unmittelbare Auswirkung auf die Verschlusszeit hat.
 
 

Potenzmittel Offenblende

Logisch, umso größer die Öffnung der Blende, umso mehr Licht fällt ein, umso kürzer wird die Verschlusszeit. Das kann für Fotografen, die viel bei schlechem Licht fotografieren wollen/müssen, ein entscheidender Faktor sein. Doch ist der Unterschied von f/1.8 zu f/1.4 so groß? Schauen wir mal.
Vielleicht ist Dir bekannt, das eine Verdoppelung der Öffnung auch eine doppelt so kurze Verschlusszeit mit sich bringt. Nicht? Dann empfehle ich Dir mein Artikel "Die Blende verstehen". Jetzt ist es aber so, dass der Sprung von f/1.8 zu f/1.4 keine Verdoppelung ist. Immerhin jedoch fast, nämlich 0,7 EV also 3/4 einer Verdoppelung. Das kann unter Umständen ein ganz entscheidender Faktor sein, um eine Verwacklungsunschärfe zu vermeiden.
Beispiel:
Deine Verschlusszeit sagt Dir bei f/1.8 1/30 Sekunde an. Dann könntest Du 1/50 Sekunde bei f/1.4 erreichen. Wenn Du jetzt keine Erfahrung in der Fotografie hast und Dir die Verschlusszeiten noch nicht so viel bedeuten, dann lasse Dir sagen, dass das absolut super ist.
 
 

Wer also braucht f/1.4?

Low-Light-Fotografen, welche ofmals bei schlechtem Licht arbeiten müssen
Die Kreativen, welche die sehr geringe Schärfentiefe als Gestaltungsmittel einsetzen möchten
Killer, die einfach just for Fun ihre Sparschweine töten, um mit breiter Brust "dazu gehören" wollen.
 
Wer bist Du davon?
 
 
Wenn das Wetter wieder besser wird, mache ich auch noch ein paar Beispielaufnahmen passend zu diesem Artikel
 
 
 

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare 1

Gäste - Carsten am Montag, 04. September 2017 16:15

Hallo Michael,

einerseits muss ich Dir hier zustimmen, aber gleichzeitig auch ein wenig widersprechen.

Ich als Canon-User kann Dir sagen, dass es zwischen dem 50mm Objektiven riesige Unterschiede gibt.
Diese sind mehr als nur die Blenden. Das 50mm mit der Blende 1.8 ist Qualitativ in Haptik und auch bei den Resultaten zum großen Teil weit weit hinter dem 50mm mit Blende 1.4. Alleine das Gehäuse des günstigerem Modell fühlt sich extrem Billig an. Auch die Farben sind hier nicht so intensiv wie bei den teureren Versionen.

Natürlich kann nicht jeder das teuerste Objektiv vor seinen Body schnallen, aber wer hier Wert auf Farbgenauigkeit legt, das wird um das Mittelpreisige nicht herumkommen.

Hallo Michael, einerseits muss ich Dir hier zustimmen, aber gleichzeitig auch ein wenig widersprechen. Ich als Canon-User kann Dir sagen, dass es zwischen dem 50mm Objektiven riesige Unterschiede gibt. Diese sind mehr als nur die Blenden. Das 50mm mit der Blende 1.8 ist Qualitativ in Haptik und auch bei den Resultaten zum großen Teil weit weit hinter dem 50mm mit Blende 1.4. Alleine das Gehäuse des günstigerem Modell fühlt sich extrem Billig an. Auch die Farben sind hier nicht so intensiv wie bei den teureren Versionen. Natürlich kann nicht jeder das teuerste Objektiv vor seinen Body schnallen, aber wer hier Wert auf Farbgenauigkeit legt, das wird um das Mittelpreisige nicht herumkommen.
Bereits registriert? Hier einloggen
Gäste
Montag, 23. November 2020

Sicherheitscode (Captcha)

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://dein-fotokurs.de/

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.